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Mit Atomkraft zum Mars: Starten bald Raketen mit Nuklear-Antrieb ins All?

Mit nuklearen Triebwerken könnten Raketen in Rekordzeit den Mars erreichen. Dumm nur, dass Atomkraft auch im Weltraum sehr gefährlich werden kann.
Falls je ein Raumschiff mit Atomantrieb gebaut wird, dann vermutlich eines mit einem nuklear-thermischen Triebwerk. Die NASA forscht aktuell wieder an einem Raketenmotor, der mit Uran arbeitet.

Das Wichtigste zum Thema Nuklear-Antriebe

  • Ein Raumschiff mit einem nuklearen Triebwerk bräuchte anstatt 6 Monaten nur noch wenige Wochen zum Mars.

  • Bisher fliegen Raketen mit chemischen Treibstoffen ins All. Die verbrennen zu einem heißen Gas, das als Strahl aus einer Düse herausschießt und so die Rakete vorantreibt.

  • Problem: Selbst mit der wirkungsvollsten Treibstoff-Kombi aus eiskaltem Wasserstoff und Sauerstoff können Raketen nur wenig Last in den Weltraum tragen.

  • Raketen mit nuklearen Antrieben verfügen im Verhältnis zu ihrem Gewicht über viel mehr Energie. Sie können höhere Geschwindigkeiten erreichen und gleichzeitig mehr Nutzlast transportieren - beispielsweise eine größere Besatzung und mehr Ausrüstung.

  • Das eine Nuklear-Raketentriebwerk gibt es nicht. Mehrere Techniken nutzen die extreme Wärme, die bei der Kernspaltung entsteht. Unterschiedlich ist nur der Weg, diese Hitze in Bewegungsenergie umzuwandeln.

  • Zu Beginn des Atomzeitalters in den 1950er und -60er Jahren wurden für Hunderte Millionen US-Dollar zahlreiche Pläne für Atom-Raumschiffe entwickelt. Keines davon flog jemals ins All: Zu groß war das Risiko, bei einem Unfall die Atmosphäre zu verseuchen.

Die Nuklear-Ofen-Rakete

Das atomare Elektro-Raumschiff

Entwurf der NASA-Sonde Jupiter Icy Moons Orbiter


Die NASA wollte eine Sonde mit einem Kernreaktor ausstatten, der 2 Ionentriebwerke mit Strom versorgt hätte. Die Sonde Jupiter Icy Moons Orbiter sollte die eisigen Monde Ganymed, Kallisto und Europa des Riesenplaneten Jupiter erforschen. Die Sonde wurde aber nie gebaut - zu teuer.
© NASA

 

Beim nuklearen Elektroantrieb erzeugt ein Atomreaktor Strom, der ein sogenanntes Ionen-Triebwerk antreibt. Das ist zwar eine komplizierte Technik, das Prinzip ist aber einfach: Atome werden darin elektrisch aufgeladen und von einem elektrischen Feld extrem beschleunigt. Anschließend werden sie wieder neutralisiert und aus einer Düse herausgeschossen.

Fantasterei? Nein, tatsächlich gibt es solche Ionen-Triebwerke schon. Mit Sonnenlicht gespeist, treiben sie gewöhnlich Satelliten und Raumsonden wie die japanische Asteroidensonde Hayabusa an.

Um Mars-Raumschiffe vorwärts zu bringen, bräuchte es allerdings viel größere Ionen-Triebwerke. Den nötigen Strom könnte aber nur Atomkraft liefern. Die NASA gab Anfang des Jahrtausends mehrere Hundert Millionen Dollar für das Projekt Prometheus aus, um den Einsatz von Kernreaktoren für interplanetare Raumsonden wie dem Jupiter Icy Moons Orbiter zu erforschen.

Wann kommen die Raumschiffe mit Nuklear-Antrieb?

So stellt sich die NASA den Zeitplan für Missionen mit nuklear-thermischer Kraft vor.

Das Bomben-Raumschiff

Entwurf eines Raumschiffs mit nuklearem Pulsantrieb


Moderner Entwurf eines Raumschiffs mit nuklearem Pulsantrieb. Dämpfer und eine dicke Stahlplatte sollten das Raumschiff schützen und gleichzeitig so sanft vorwärts bewegen, dass die Crew überlebt.
© NASA

 

Während des 2. Weltkriegs bauten die besten Physiker der USA die erste Atombombe. Einige von ihnen spannen die Idee beim supergeheimen Projekt Orion weiter: Statt einer großen Atombombe sollten Hunderte kleine hinter dem Raumschiff detonieren und es in den Weltraum - und bis zum Saturn - schießen. Damit es dabei nicht kaputt geht, konzipierten sie eine dicke Stahlplatte und starke Dämpfer davor. Fertig war der nukleare Pulsantrieb.

Zwar starteten keine Raumschiffe mit Atombomben-Explosionen ins All. Aber die Wissenschaftler bauten ein kleines Modell, das sie mit "normalen" Mini-Bomben 100 Meter aufsteigen ließen. US-Präsident Kennedy war so entsetzt, dass er das Projekt einstellen ließ.

Anti-Materie: Der Hyper-Treibstoff

Der absolute Super-Burner unter den Raketenantrieben sind Anti-Materie-Triebwerke. Nur wenige Milligramm Anti-Materie würde ausreichen, um ein Raumschiff in kurzer Zeit zum Mars zu transportieren. Problem: Bisher lässt sich solch eine Menge Anti-Materie nicht herstellen - und lagern schon gar nicht.

Coca Cola, Jackass und Atom-Flugzeuge: 5 irre Fakten zum nuklearen Rakenten-Antrieb

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    Um die Mini-Atombomben zuverlässig und an der richtigen Stelle hinter dem Raumschiff zu platzieren, holten sich die Nuklear-Physiker Coca-Cola-Techniker ins Haus. Die Brause-Experten hatten Erfahrung darin, Millionen Flaschen passgenau abzufüllen.

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    US-Militärs planten sogar ein riesiges Versuchs-Flugzeug mit Atomreaktor. Bis zu 30 Zentimeter dicke Bleiglas-Scheiben sollten die Crew vor Strahlung schützen. Die Maschine mit Nuklear-Triebwerk hob nie ab: Das Projekt wurde rechtzeitig gestoppt.

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    Das Gebiet, in dem die nuklear-thermischen Triebwerke getestet wurden, nennt sich "Jackass Flats". Aber nicht wegen der "irren Wissenschaftler" des Projekts, sondern der gleichnamigen Gesteins-Schichten in dieser Gegend.

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    Stanley Kubrick plante ursprünglich, in seinem Sci-Fi-Klassiker "2011: Odyssee im Weltraum" ein Raumschiff mit nuklearem Pulsantrieb fliegen zu lassen. Da er aber gerade "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" gedreht hatte, strich er diesmal die Atomkraft aus dem Drehbuch.

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    Tödlicher Fallout: "Orion"-Mastermind Freeman Dyson errechnete, dass nach dem Start einer atomaren Pulsantrieb-Rakete durchschnittlich etwa 10 Menschen sterben würden. Von da an war er gegen sein eigenes Projekt.

Veröffentlicht: 21.06.2020 / Autor: Peter Schneider