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Ein Weltraumbahnhof für Deutschland: Brauchen wir den überhaupt?

Die Wirtschaft wünscht sich einen deutschen Startplatz für kleine Raketen, um so im Satelliten-Business mitzumischen. Doch macht das überhaupt Sinn?
Der Grund für den Raketen-Hype: Rocket Factory Augsburg (RFA) und 2 weitere Firmen bauen Kleinraketen (hier im Bild eine Illustration von RFA). Sie könnten den einen Startplatz in der Nordsee nutzen.

Das Wichtigste zum Thema Weltraumbahnhöfe

  • Die Regierung soll den Bau eines privaten Weltraumhafens in Deutschland fördern, so der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Der Lobbyverband empfiehlt einen schwimmenden Startplatz in der Nordsee.

  • Das Argument: In Zukunft könnten 10.000 Kleinsatelliten ins All starten - ein Riesengeschäft. Um da mitzumischen, bräuchten deutsche Unternehmen einen eigenen Startplatz.

  • Auf einer Plattform in der Nordsee würden nur kleine Träger-Raketen ("Micro Launcher") starten. Für Raketen wie die Falcon 9 von Elon Musk oder die Ariane wäre sie zu klein - für Raumfahrzeuge mit Astronauten sowieso.

  • Ein Problem: Es gibt bisher gar keine deutsche Raketen. Außerdem sind die Bundesrepublik und ihre Nachbarn dicht besiedelt. Das macht Raketenstarts gefährlich für die Bewohner.

  • In Deutschland bauen derzeit 3 Unternehmen an Kleinraketen, darunter das Start-up "Isar Aerospace" in Ottobrunn bei München. Ihre "Spectrum"-Rakete soll schon 2021/22 abheben. Aber ist das realistisch? Erfahrungsgemäß dauert es viel länger, eine Rakete zu entwickeln.

(Fast) Freie Bahn nach Norden

Plan für einen Startplatz in der Nordsee: Von dort überfliegen Raketen nur Wasser, wenn sie Richtung Norden starten. Auf dem Weg liegen allerdings Ölplattformen. Zudem müsste der Flug- und Schiffsverkehr eingestellt werden. Das ist aber bei Raketenstarts nicht ungewöhnlich.

Wo ist die Raketen-Plattform in der Nordsee geplant?

  • Ein mögliches Startgebiet liegt in der Dogger Bank, etwa 450 km nordwestlich von Bremerhaven - eine Zone, die Deutschland wirtschaftlich nutzen darf. Von dort könnten Raketen abheben, ohne über bewohnte Gebiete zu fliegen.

  • Die Raketen müssten von deutschen Häfen aus etwa einen guten halben Tag übers Meer zur Plattform transportiert werden.

  • Ähnlich wie bei Ölbohrungen kommen verschiedene Spezialfahrzeuge als Plattform in Frage. Die Rakete könnte beispielsweise vom Heck eines Schiffes starten, oder von einem "Jack-Up"-Schiff, dass sich mit ausfahrbaren Pfählen aus dem etwa 40 Meter tiefen Wasser hebt.

  • Laut BDI würde der Startplatz den Steuerzahler in den ersten 5 Jahren nicht mehr als knapp 30 Millionen Euro kosten. Ab dann würde sich der Startplatz voraussichtlich selbst finanzieren. Ein Raketenstart würde etwa 600.000 Euro kosten.

Wie realistisch ist ein Startplatz in der Nordsee?

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    Das Startgebiet liegt in einem Naturschutzgebiet. Die Raketen sollen dort nicht nur starten, sondern auch betankt werden. Raketentreibstoffe werden aber als gefährliche Güter eingestuft. Ob dafür eine Genehmigung erteilt wird: fraglich. Umweltorganisationen dürften gegen einen Startplatz klagen - und ihn damit am Ende vielleicht sogar verhindern.

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    Der BDI glaubt, dass der Startplatz das ganze Jahr genutzt wird. Das Wetter im angepeilten Zielgebiet ist aber häufig sehr stürmisch. Und ab einer bestimmten Wellenhöhe können Raketen nicht mehr starten.

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    So menschenleer ist die Nordsee gar nicht. In der Nähe stehen norwegische und englische Öl-Förderanlagen. Vor jedem Raketenstart müsste jeder Schiffs- und Flugverkehr eingestellt werden, laut Plan bis zu alle 2 Wochen.

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    Bereits in den 1990er Jahren hat die Firma Sea Launch ein riesiges Schiff plus Startplattform gebaut und darauf bis 2014 die Träger-Rakete Zenit gestartet. Zwischendurch ging das Unternehmen allerdings pleite.

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    Vor jedem Start muss die Crew die Plattform aus Sicherheitsgründen verlassen und sie dann per Fernsteuerung auf Position halten. Technisch kein Problem, aber teuer zu bauen - einer von vielen ungewissen Kostenfaktoren.

Hier startet die Konkurrenz

Qualitäts-Check für Raketenstartplätze

  • Raketen sollte man möglichst nah am Äquator starten. So bekommen sie zur eigenen Geschwindigkeit noch die der Erdrotation on top. Damit sparen sie Treibstoff beziehungsweise können mehr Nutzlast transportieren.

  • Das gilt vor allem für Telekommunikations-Satelliten, die entlang des Äquators um die Erde fliegen. Für Satelliten, die Nord- und Südpol überqueren, kommen auch Weltraumbahnhöfe weiter im Norden (oder Süden) in Frage.

  • Wichtig für alle Startplätze: Es sollte möglichst keiner in der entlang der Aufstiegsbahn wohnen. Sonst könnten den Bewohnern die ausgebrannten Raketenstufen aufs Dach fallen, wie es in China regelmäßig geschieht.

  • Viele berühmte Weltraumbahnhöfe liegen daher direkt am Meer oder in der Steppe, beispielsweise der ESA-Startplatz Kourou am Atlantik oder Baikonur in Kasachstan.

  • Mobile Alternative: Hat die Startplattform Räder, Flügel oder einen Rumpf, lässt sie sich an jeden beliebigen Ort der Erde transportieren. Das Prinzip nutzen nicht nur Militärs für Atombomber und U-Boote, sondern auch viele Betreiber von Träger-Raketen. Nachteil: Der logistische Aufwand wird größer.

Wenn Raketen vom Himmel fallen

Der erster Weltraumbahnhof der Welt: ein Startplatz des Todes

A4 beim Start


Eine A4 beim Start in Peenemünde 1943. Später erreichte die Rakete als erstes Menschen gemachtes Objekt den Weltraum.
© Von Bundesarchiv, Bild 146-1978-Anh.026-01

Die Deutschen hatten schon einmal einen Raketenstartplatz. Von der "Heeresversuchsanstalt Peenemünde" an der Ostsee aus erreichte am 20. Juni 1944 zum ersten Mal überhaupt eine Rakete den Weltraum. Die A4-Rakete flog 174,6 km hoch. Später wurde sie von den Nationalsozialisten im Krieg eingesetzt. Propagandaminister Joseph Goebbels gab ihr einen neuen Namen: V2, für "Vergeltungswaffe".

Schäden durch Raketenangriff in der Londoner Camberwell Road 1944


Traurig: Die V2-Rakete richtete als Kriegs-Waffe große Schäden an und kostete viele Menschenleben.
© U.S. National Archives and Records Administration

Sie startete später als ballistische Rakete von mobilen Startrampen. Ihren Sprengköpfen fielen bis zu 8.000 Menschen in London und anderen Städten zum Opfer. Auch beim Bau starben fast 20.000 Zwangsarbeiter.

Der Peenemünder Startplatz wurde von der britischen Luftwaffe in der "Operation Hydra" und weiteren Angriffen zerstört. Bis zum Ende der DDR war das Gelände nahe der polnischen Grenze Sperrgebiet, heute ist es teilweise Museums-Areal.

Von der Atomwaffe zum friedlichen Astronauten-Transporter

Die Ironie der Geschichte: Die V2 wurde von den Amerikanern weiterentwickelt und als Atomrakete in Deutschland stationiert, glücklicherweise aber nie abgefeuert. Schließlich nahm die Rakete doch noch ein friedfertiges Ende. In der Version "Redstone Mercury" beförderte sie den ersten US-Astronauten Alan Shepard ins All.

Veröffentlicht: 18.10.2020 / Autor: Peter Schneider