Wie der Forscher Angelo Mosso im 19. Jahrhundert eine Seelenwaage baute
Angelo Mosso / Stefano Sandrone

Wie der Forscher Angelo Mosso im 19. Jahrhundert eine Seelenwaage baute

vor 3 Monaten

Vor mehr als 130 Jahren hatte der italienische Mediziner und Erfinder Angelo Mosso eine skurrile Idee: Er wollte eine Waage bauen, mit der man das Gewicht von Seelen messen kann. Wir erklären euch, wie der groteske Apparat funktionieren sollte und warum er trotz seiner seltsamen Funktion ein Glücksgriff für die Forschung war.

Angelo Mosso wurde 1846 in der Nähe von Turin geboren. Seine Mutter war Schneiderin, sein Vater Tischler. Von klein auf lernte er handwerkliches Geschick und und entwickelte sich zum echten Multitalent. Er war Physiologe, Mediziner, Forscher und Erfinder – ein Universalgelehrter also. Vor Kurzem wurden seine Manuskripte aus den 1880er Jahren vom Neurowissenschaflter Stefano Sandrone vom King’s College in London wiederentdeckt. Sie zeigen, dass Mosso immer wieder an kuriosen Maschinen tüftelte. Vor allem eine ging in die Geschichtsbücher ein. Es war 1882, als er sie entwickelte: die Seelenwaage.

So funktioniert die Seelenwaage

Und die sollte genau das tun, was der Name sagt – Seelen wiegen. Aber wie soll das möglich sein? Mosso dachte, dass Seelen sich durch Gedanken ausdrücken und diese Gedanken messbar waren. Ihr Zentrum sei das „Denkorgan“ Gehirn. Je stärker man nachdenke, desto stärker und schneller würde Blut durch den Kopf fließen. Indem man den Blutfluss wiege, könnte man also indirekt das Gewicht von Gedanken feststellen.

Mosso wollte diese Theorie mit Experimenten beweisen. Er entwickelte also eine menschengroße Waage, die bei Gewichtsveränderungen wie eine Wippe an den Enden ausschlagen konnte. Dann legten sich Testpersonen auf die Waage. Damit sie die Ergebnisse nicht durch Bewegungen verfälschten, band man sie fest. Die Wippe wurde mit Gegengewichten so ausbalanciert, dass sie komplett waagerecht war. Wie der Neurowissenschaftler Sandrone in Mossos Manuskripten entdeckte, zeichnete der Mediziner seinen Apparat genau auf:

Dann begann der eigentliche Test: Mosso bat die Probanden, Texte zu lesen und Rechenaufgaben zu lösen. So sollten starke gedankliche Belastungen nachgeahmt werden. Scheinbar mit Erfolg. „Je stärker der Proband mit einer emotionalen oder kognitiven Aufgabe beschäftigt war, desto weiter neigte sich das Gleichgewicht in Richtung Kopf“, erklärte Stefano Sandrone, der Entdecker der Mosso-Manuskripte.

Die Seite der Wippe, auf der der Kopf lag, sank also nach unten. Damit war bewiesen, dass die Durchblutung im Gehirn bei intensivem Denken zunimmt. Mosso hatte den Zusammenhang zwischen Blutfluss und Gehirnaktivität nachgewiesen. Mit Seelen hat das zwar nicht viel zu tun, mit moderner Wissenschaft aber umso mehr.

Wie der Apparat zum Glücksgriff für die moderne Forschung wurde

Mossos Forschung wurde damit nämlich zur Grundlage der Neurowissenschaften. Manche Wissenschaftler zweifeln daran, dass Mossos Waage tatsächlich funktionierte. Sein Ergebnis ist heutzutage aber allgemein anerkannt.

Im Jahr 1908 war Mosso sogar für den Medizinnobelpreis nominiert. Seine Experimente mit der Seelenwaage ebneten den Weg für bildgebende Untersuchungsmethoden, die heute gar nicht mehr aus dem Krankenhausalltag wegzudenken sind. Dazu gehören beispielsweise die Positronenemissionstomografie (PET) und die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT). Die Originalwaage Mossos steht heute im Archiv der Universität von Turin.

Heutzutage weiß jedes Kind, dass der Körper Blut zum Leben braucht. Jeder Mensch trägt vier bis sechs Liter der roten Flüssigkeit in sich. Aber woher weiß man das überhaupt? Die Antwort darauf seht ihr hier:

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