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Tourette Syndrom: Touretter Jan erzählt von seinem Leben mit Tic-Störung

Fluchen, Zucken, Schlagen: Wie lebt es sich eigentlich mit Tourette-Syndrom? Was passiert bei Tourette im Gehirn? Wir haben Touretter Jan begleitet. Alles, was du über die Tic-Störung wissen musst, erfährst du hier.
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Tourette-Syndrom: Die wichtigsten Fakten

  • Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch plötzliche, unwillkürlich auftretende Handlungsimpulse, sogenannte Tics, gekennzeichnet ist. Benannt wurde sie 1885 nach dem französischen Neurologen George Gilles de la Tourette.

  • Die Tics sind sowohl motorischer als auch vokaler Art und treten oft in Kombination auf. Dabei folgt auf mindestens 2 Bewegungen (z.B. Zucken, Schlagen) ein vokaler Tic (z.B. Zwischenrufe).

  • Typisch für die Ticstörung ist außerdem die sogenannte Koprolalie, bei der etwa 30% der Betroffenen zwanghaft vulgäre Schimpfwörter hervorstoßen.

  • Die Chance auf Heilung gibt es nicht, allerdings können jede Menge Therapieansätze das Leben mit Tourette-Syndrom erleichtern.

  • Positive Nebeneffekte: Studien zufolge sind Tourette-Erkrankte besonders fix im Verarbeiten von Informationen. Die störungsbedingten Tics heizen den Prozessabläufen im Gehirn ein.

Wann tritt das Tourette-Syndrom auf?

Da es sich beim Tourette-Syndrom um eine Entwicklungsstörung des zentralen Nervensystems handelt, beginnt die Krankheit fast immer vor dem 18. Lebensjahr, in 90% der Fälle sogar schon vor dem 11. Lebensjahr.

Im Krankheitsverlauf treten in diesem Alter erstmals Phasen mit motorischen Tics auf, die entweder von selbst wieder verschwinden oder weiter zunehmen und irgendwann durch vokale Tics wie Lautäußerungen ergänzt werden.

Die Tics selbst äußern sich dann anfallsartig mehrmals pro Tag (und auch nachts) und verschlimmern sich bei emotionaler Erregung (z.B. Stress, Angst, Freude). Hin und wieder kündigen sie sich sensomotorisch, z.B. durch Kribbeln oder Spannungsgefühle an. Unterdrückt werden können sie nur bedingt und tauchen dann später in geballter Form wieder auf

Kann man das Tourette-Syndrom auch im Alter bekommen?

Kurz gesagt: ja, aber selten. Wenn Ticstörungen erst im Erwachsenenalter auftreten, hat das Tourette-Syndrom meist schon in der Kindheit eingesetzt und äußert sich jetzt neu oder verschlimmert.

Symptome: Wie erkennt man Tourette bei Kindern?

Bei Kindern treten die ersten Tourette-Symptome zwischen 4 und 7 Jahren auf und zeigen sich anhand von motorischen Tics wie Augenzwinkern, Husten, Grimassenschneiden oder raschen, ziellosen Bewegungen. Bei etwa der Hälfte der Betroffenen steigen die Symptome bis zur Pubertät an und werden durch vokale Tics wie Geräusche und unwillkürliche Worte bzw. Koprolalie verstärkt. Warum Tourette-Kranke Schimpfworte rufen, ist noch nicht geklärt.

Die Tics bei Kindern gehen in etwa 70% der Fälle nach der Pubertät - spätestens nach dem 26. Lebensjahr - zurück, bei wenigen verschwinden sie völlig.

Gut zu wissen: Jungen erkranken 4 Mal häufiger an Tourette als Mädchen und sind damit auch öfter von typischen Begleiterkrankungen wie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung oder anderen Zwangsstörungen betroffen.

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Tourette: Das sind die Ursachen der Krankheit

Zu den Ursachen des Tourette-Syndroms gibt es aktuell nur Vermutungen. Forscher gehen davon aus, dass der genetische Hintergrund die größte Rolle spielt, da das Risiko zu erkranken für Kinder mit betroffenen Eltern 10 bis 100 mal höher ist als für Kinder, die nicht erblich vorbelastet sind.

Ist die genetische Veranlagung gegeben, müssen bestimmte Umweltfaktoren hinzukommen, die zur Ausbildung der Ticstörung führen. Dazu zählen etwa Rauchen und psychosozialer Stress in der Schwangerschaft, Alkoholkonsum, Medikamente, Frühgeburtlichkeit oder Sauerstoffmangel bei der Geburt. Bakterielle Infektionen mit Streptokokken der Gruppe A können ebenfalls Tourette verursachen.

Was geschieht im Gehirn?


Außer Balance: Bei Tourette-Patienten ist die Zahl der Dopaminrezeptoren stark erhöht.
© Getty Images

Bei Tourette-Erkrankten ist der Botenstoffwechsel im Gehirn gestört. Das heißt, die Gehirnregionen, die für die Bewegungs-Kontrolle verantwortlich sind, sind anders entwickelt oder durchblutet als bei gesunden Menschen.

Der Botenstoff Dopamin, der die Informationsverarbeitung steuert, ist hier aus dem Gleichgewicht geraten und besonders aktiv. In der Folge kommt es zu einem Chaos in den Basalganlien, also den Gehirnarealen, die über die Handlungsimpulse entscheiden.

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Behandlungsmöglichkeiten: Wie wird Tourette therapiert?

Eine vollkommene Heilung von Tourette-Patienten ist bisher nicht möglich. Verschiedene Therapieansätze sind je nach Schweregrad der Erkrankung jedoch erfolgsversprechend.

Medikamentöse Behandlung: In schwären Fällen, können Neuroleptika die Tics lindern.

Hirnschrittmacher: Drohende Tics können mithilfe der elektrischen Impulse eines Hirnschrittmachers eingedämmt werden.

Psychotherapien: Individuelle psychotherapeutische Behandlungen unterstützen die Betroffenen dabei mit den Symptomen und deren Wirkung auf das Umfeld besser umzugehen.

Entspannungstherapien: Auch autogenes Training und Entspannungstechniken können dabei helfen, die Tics besser im Griff zu halten und Begleiterkrankungen wie ADHS, Zwangs- oder Schlafstörungen entgegenzuwirken.

Cannabis: Studien haben ergeben, dass der ein oder andere Joint auf Rezept die Tics abschwächen kann.

Praxis-Tipps: So gehst du mit Betroffenen um

  • 💗

    Geduldig sein: Betroffenen gegenüber wütend oder nachtragend zu sein, bringt nichts. Stresssituationen sorgen meist für noch heftigere Tics.

  • 🔙

    Freiräume schaffen: Fürs Büro können zum Beispiel nicht einsehbare Aufenthaltsbereiche, in die sich die Betroffenen zurückziehen können, eine gute Lösung sein.

  • 💡

    Neue Wege gehen: Wenn Tics es unmöglich machen, mit anderen mitzuhalten, ist Flexibilität gefragt. Aufgaben und Aktivitäten anzupassen, erleichtert für alle das Miteinander.

  • 🗣️

    Verständnis schaffen: Möglicherweise wissen andere Personen aus dem Umfeld des Betroffenen nichts oder nur sehr wenig über Tics oder das Tourette-Syndrom. Offene Gespräche helfen.

  • 🙅

    Ausgrenzung verhindern: Situationen, in denen TS-Symptome für den Betroffenen zum Problem werden könnten, vermeiden und nach Alternativen suchen.

AOK Rheinland/Hamburg

Veröffentlicht: 07.11.2020 / Autor: Selina Wagner