Menschen auf Straße in Berlin

Herdenimmunität: Wie sie funktioniert und wann sie erreicht ist

Den Begriff "Herdenimmunität" hören wir immer wieder. Aber wie funktioniert das Prinzip eigentlich genau - und wann ist die Immunität in Deutschland erreicht? Im Clip: Deshalb ist Herdenschutz so wichtig.
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Das Wichtigste zum Thema Herdenimmunität

  • Durch eine Impfung schützt du dich natürlich in erster Linie selbst vor Krankheitserregern.

  • Bei Krankheiten, die von Mensch zu Mensch übertragbar sind, schützt du aber auch deine Mitmenschen: Durch die Impfung minimierst du die Wahrscheinlichkeit, die Krankheit zu bekommen und andere anzustecken.

  • Das ist wichtig: Denn es gibt Personen, die nicht geimpft werden können. Sie sind auf die sogenannte Herdenimmunität beziehungsweise einen Herdenschutz angewiesen. Wer alles zu diesen Personen zählt, erfährst du unten.

  • Wann die Herdenimmunität erreicht ist, unterscheidet sich je nach Krankheitserreger. So greift der Herdenschutz bei Masern ab einer Durchimpfungsrate von 95 Prozent, bei Diphtherie schon ab 80 Prozent. Die Prognosen zum Herdenschutz bei Corona erfährst du weiter unten.

  • Gute Nachricht: Wenn sich ausreichend viele Menschen impfen lassen, kann eine Krankheit sogar ausgerottet werden. Weltweit gelten die Pocken seit 1980 als besiegt. Seit 2002 gilt zudem Europa als frei von Kinderlähmung.

Herdenimmunität bei Corona

Die Corona-Pandemie dauert an, solange sich immer neue Menschen infizieren. Stoppen kann man dies theoretisch auf 2 Wegen:

  • Maßnahmen wie Masken, Abstand und Kontaktbeschränkungen, die verhindern, dass der Virus eine neue Person infizieren kann.
  • Durch eine Herdenimmunität.

Weitgehend immun sind Menschen nach einer wirksamen Corona-Impfung. Dazu solche, die bereits Covid-19 hatten. Allerdings zeigen Studien, dass sie nur rund 5 Monate schützende Antikörper aufweisen. Das heißt, womöglich infizieren sie sich erneut.

Dennoch setzen einige Bürger:innen und Politiker:innen, teils sogar Ärzt:innen auf eine natürliche Durchseuchung mit Corona. Die meisten Expert:innen halten dies jedoch für Unsinn und eine Illusion.

Ihre Befürchtung: Wenn sich schnell viele Leute mit Corona infizieren, um so eine natürliche Herdenimmunität zu erreichen, könnte das viele Menschenleben kosten. Dazu kommen mögliche Spätfolgen bei Covid-19. Und wegen der kurzen Immunität könnte es bald neue Corona-Ausbrüche geben.

So funktioniert die Herdenimmunität

Sind viele Leute in einem Gebiet geimpft, kann sich ein von Mensch zu Mensch übertragbarer Krankheitserreger nicht ausbreiten. Ein Infizierter steckt vielleicht eine zweite Person an. Nach kurzer Zeit verschwindet die Krankheit aber wieder, da die Erreger den Geimpften nichts anhaben können und diese ihn so auch nicht verbreiten.

Corona: Wann erreichen wir eine Herdenimmunität in Deutschland?

Expert:innen sind sich uneins. Zu Beginn der Pandemie ging man davon aus, dass für einen Herdenschutz rund 60 bis 70 Prozent der Menschen gegen Corona immun sein müssten. Mittlerweile liegt die Einschätzung aufgrund der ansteckenderen Virus-Varianten jedoch deutlich darüber.

RKI-Chef Lothar Wieler sagte Anfang Mai 2021 in einer Pressekonferenz: "Um den R-Wert weiter unter 1 zu halten, muss der Anteil der immunen Personen in der Bevölkerung, entweder durch eine vollständige Impfung oder durch eine durchgemachte Infektion plus Impfung, bei der vorherrschenden Virusvariante B 1.1.7 deutlich über 80 Prozent liegen."

Das Impf-Tempo macht Hoffnung - Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verkündete, dass bis Mitte Juli rund 90 Prozent der Impf-Willigen in Deutschland ein Impf-Angebot erhalten. Er schätzt die Impf-Bereitschaft in der Gesellschaft auf rund 70 bis 75 Prozent. Stimmen wurden bereits laut, dass nach dem Sommer die Herdenimmunität erreicht ist. Auch Virologe Christian Drosten hält das bis zum Herbst für möglich.

Virologe Hendrik Streeck sieht das kritisch: Zwar gehen die Corona-Fälle durch die Impfungen stark zurück, doch bis zur vollständigen Immunität würde es noch einige Zeit dauern. Kinder etwa würden bisher nicht geimpft - und die Impfstoffe schützten nicht zu 100 Prozent vor einer Ansteckung. Hinzu komme, dass die Corona-Impfung vermutlich bereits im Herbst aufgefrischt werden müsse, um einen möglichst guten Schutz zu wahren.

Diese Personen können oft nicht geimpft werden

  • 👶

    Babys sind für bestimmte Impfungen noch zu klein.

  • 🤰

    In der Schwangerschaft sind einige Impfungen für das Ungeborene gefährlich.

  • 😟

    Manche reagieren allergisch auf Impfstoffe.

  • 🧓

    Bei sehr alten Menschen, chronisch Kranken wie Krebspatient:innen und Menschen mit Immundefekt ist oft das Immunsystem zu schwach für einen Impfstoff.

  • Gewusst? Windpocken können für Babys lebensgefährlich sein. Wenn eine Schwangere Röteln bekommt, kann dies beim Ungeborenen schwere Schäden verursachen. Und wenn chronisch Kranke sich eine Grippe einfangen, kann das tödlich enden.

Kinderlähmung und Co.: Auch hier muss weiter geimpft werden

  • 👍

    Dank der Impfungen treten in Deutschland (wie auch den USA und großen Teilen Europas) viele Krankheiten nur noch sehr selten oder gar nicht mehr auf.

  • 👎

    Das macht viele Impfungen aber nicht überflüssig - zum Beispiel die gegen Kinderlähmung (Polio), Diphtherie und Keuchhusten. In anderen meist ärmeren Ländern sind diese Krankheiten nämlich immer noch verbreitet.

  • Ohne flächendeckende Impfungen könnte sich deutsche Tourist:innen im Urlaub infizieren und die Krankheit nach der Rückkehr in Deutschland verbreiten. Oder ausländische Reisende bringen den Erreger mit.

  • Dagegen hilft eine hohe Impfquote in der Gesamtbevölkerung - also eine hohe Herdenimmunität.

Masern-Impfpflicht in Deutschland

Aktuell im Fokus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stehen vor allem Masern und Röteln. Das Ziel: Die Verbreitung weltweit zu verhindern.

95 Prozent der Bevölkerung müssen dafür langfristig vor diesen Krankheiten geschützt sein. Durch die Herdenimmunität wären dann auch jene sicher, die nicht geimpft werden können.

In Nord- und Südamerika wurde in den letzten Jahrzehnten viel gegen Masern geimpft. Sie gelten als masernfrei. Deutschland dagegen noch nicht. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu regionalen Ausbrüchen.

Seit März 2020 gibt es daher bei uns eine Masern-Impfpflicht:

  • für Kinder, die nicht immun sind und in eine Kindertagesstätte oder in die Schule gehen.
  • für Erwachsene, die nach 1970 geboren sind und in Gemeinschafts- und Gesundheitseinrichtungen arbeiten - wenn sie nicht bereits 2 Masern-Schutzimpfungen erhalten haben oder ein ärztliches Zeugnis über eine ausreichende Immunität gegen Masern nachweisen können.

Wichtig für eine Herdenimmunität wäre es auch, dass sich alle nach 1970 Geborenen impfen lassen, sofern sie als Kind keine oder nur eine Masern-Impfung erhalten haben.

Welche Strafen bei einem Verstoß gegen die Masern-Impflicht drohen, wie eine Masern-Erkrankung eigentlich genau aussieht und was die Folgen sein können, kannst du hier nachlesen.

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Veröffentlicht: 01.06.2021 / Autor: Larissa Melville