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Steigende Corona-Zahlen: Was sie dir tatsächlich verraten - und was nicht

Die Zahl der Neu-Infektionen mit dem Corona-Virus steigt wieder an. Viele sehen eine 2. Welle auf uns zurollen. Entsprechend rücken auch Begriffe wie Reproduktions-Rate und Verdopplungs-Zeit erneut in den Fokus. Doch was bedeuten diese Corona-Kennzahlen eigentlich genau?
Die täglichen Zahlen des Robert Koch-Instituts zum Corona-Virus.

Das Wichtigste zum Thema Corona-Kennzahlen

  • Von allen Seiten prasseln wieder Zahlen zum Corona-Virus auf uns ein. Das Robert Koch-Institut (RKI) spricht sogar schon von einem "beunruhigenden Trend". Doch was bedeuten die Werte überhaupt - und wie kommen sie zustande?

  • Wir haben uns die Kennzahlen des RKI einmal genau angeschaut. Sie beruhen größtenteils auf Daten einzelner deutscher Gesundheitsbehörden. Manche sind aber auch Schätzungen mit Hilfe von verschiedenen Rechen-Modellen.

  • Das RKI betont: Die Daten sollten nicht überinterpretiert werden. Was eine Zahl aussagen kann und was eben nicht, das erfährst du hier.

Die Übersterblichkeit - Kann eine Zahl gängige Verschwörungs-Theorien widerlegen?

Eine gängige Theorie von Corona-Kritikern: Die aktuelle Pandemie ist nicht schlimmer als die jährliche Grippewelle.

Dagegen wird aktuell vor allem mit Hilfe einer Größe argumentiert: der Übersterblichkeit. Hier wird die Sterberate eines bestimmten Zeitraums mit dem Durchschnitt aus Vorjahren verglichen.

Konkret: Sind zwischen Januar und Juli 2020 mehr Menschen gestorben als zwischen Januar und Juli 2019, dann spricht man von einer Übersterblichkeit.

Allerdings beruhen auch diese Zahlen teilweise auf Schätzungen, da nicht immer klar nachgewiesen werden kann, woran ein Mensch gestorben ist. Man geht von einer hohen Dunkelziffer an Covid-Toten aus (siehe unten).

Das Statistische Bundesamt vermeldet allerdings einen Anstieg der Sterbefallzahlen seit den letzten Märzwochen: "Die aktuelle Entwicklung ist auffällig, weil die Sterbefallzahlen in dieser Jahreszeit aufgrund der ausklingenden Grippewelle üblicherweise von Woche zu Woche abnehmen. Dies deutet auf eine Übersterblichkeit im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie hin."

So lange ist ein Mensch ansteckend. Unser Beispiel: Peter

Bereits bevor Symptome auftauchen, ist eine Person ansteckend. Das RKI geht davon aus, dass man schon 2 Tage, bevor man sich kränklich fühlt, andere anstecken kann. In den ersten Tagen nach der Infektion sind die Corona-Viren bei den Tests teilweise noch nicht nachweisbar.

#1: Die bestätigten Fälle

Gezählt werden hier alle Menschen, die in Deutschland bisher positiv auf das Corona-Virus getestet wurden. Unabhängig davon, ob sie bereits wieder genesen, aktuell noch erkrankt oder verstorben sind.

Die Gesundheitsbehörden der jeweiligen Bundesländer sammeln die Fälle und leiten sie an das Robert Koch-Institut weiter. Alle Daten, die bis 0 Uhr übermittelt wurden, tauchen in der Grafik am nächsten Tag auf.

Bestätigte Fälle for dummies

Es kann etwas dauern, bis Peter als bestätigter Fall beim RKI auftaucht. Erst muss er nach seinem Arztbesuch das Testergebnis abwarten. Dann wird sein Fall (bei einem positiven Test) an das RKI gemeldet.

Fazit

  • 👍

    Vorteil: grober Überblick darüber, wie viele Personen in Deutschland sich bereits infiziert haben.

  • 👎

    Nachteil: Hängt stark von den Testkapazitäten und den Meldungen der Gesundheitsämter ab. Wer keine Symptome hat, nicht zum Arzt geht oder nicht getestet wird, taucht auch nicht in der Statistik auf.

  • Grenzen: Willst du wissen, wie die aktuelle Lage ist, dann bringen dir die bestätigten Fälle wenig. Wer ist wieder gesund? Wann ist die Person erkrankt und wie stark waren ihre Beschwerden? Wie verbreitet sich das Virus? All das erfährst du aus dieser Kennzahl nicht.

#2: Die Neu-Infektionen

Die Gesundheitsbehörden geben jede Neu-Infektion an das RKI weiter. Am Folgetag taucht die Person in der Statistik auf und zählt dann auch zu den insgesamt bestätigten Fällen.

Durch die Zahl der Neuinfektionen lässt sich schnell ein Trend erkennen. Ist sie heute niedriger als gestern, dann ist das schon mal positiv.

Aber: Es gibt immer wieder Schwankungen. Das hängt auch mit der Melde-Ungenauigkeit zusammen. Besonders nach dem Wochenende kann es etwas dauern, bis die exakten Zahlen da sind. Schau dir also lieber die Entwicklung über einen längeren Zeitraum an.

Neu-Infektionen for dummies

Erst wenn ein positiver Test vorliegt, wird der Fall den Gesundheitsbehörden und von da aus dem RKI gemeldet. Am nächsten Tag taucht er dann in den Statistiken des Instituts auf.

Fazit

  • 👍

    Vorteil: Du kannst hier gut einen groben Trend ablesen. Ist die Zahl der Neuinfizierten im Vergleich zum Vortag gestiegen oder gesunken?

  • 👎

    Nachteil: Begrenzte Testkapazitäten und die Melde-Ungenauigkeit verfälschen die Zahl. Genau wie bei den insgesamt bestätigten Fällen wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen.

  • Grenzen: Diese Zahl gibt nur an, wer sich neu infiziert hat. Wie schnell sich das Virus ausbreitet, erkennst du allein an ihr aber nicht. Dafür braucht es immer den Vergleich über einen längeren Zeitraum.

#3: Die Todesfälle

Todesfälle werden detailliert erfasst und dem RKI gemeldet. Fraglich ist allerdings manchmal, ob ein Patient "mit" oder "an" Covid-19 gestorben ist.

Die Zahl der Todesfälle zeigt außerdem nicht, wie sich das Corona-Virus aktuell verbreitet, sondern vielmehr, wie es sich vor 3 Wochen verbreitet hat. Stirbt ein Patient an Covid-19, dann passiert das durchschnittlich nach dieser Zeitspanne.

Wie bei den bestätigten Fällen werden auch alle Todesfälle seit Aufkommen der ersten Infizierten addiert.

Fazit

  • 👍

    Vorteil: Kurzer Überblick über alle Menschen, die in Deutschland am Corona-Virus gestorben sind. Diese Zahl ist ziemlich exakt, da die Todesfälle sehr genau erfasst werden.

  • 👎

    Nachteil: Die Zahl sagt nichts darüber aus, wie sich das Virus aktuell verbreitet und wie sich der Wert seit dem Ausbruch in Deutschland entwickelt hat.

  • Grenzen: Wer die Todeszahlen heranzieht, sollte immer auch auf die insgesamt bestätigten Fälle und die genesenen Fälle schauen. Nur so kann man die Zahl ins Verhältnis setzen.

#4: Die Genesenen

Wenn ein Mensch genesen ist, muss das in vielen Ländern nicht gemeldet werden - so auch in Deutschland. Was in der Statistik auftaucht, ist laut RKI nur eine "grobe Schätzung für die Zahl der Genesenen".

Geschätzt wird anhand der Zahl der Neuinfizierten. Ausgehend vom Auftreten erster Symptome oder dem Meldedatum wird errechnet, wann ein Patient wieder gesund sein sollte - in der Regel 9 Tage, nachdem sich erste Symptome zeigen.

Im Einzelfall können Erkrankungen aber auch deutlich länger dauern. Nur milde Krankheitsverläufe werden bei der Zahl der Genesenen berücksichtigt. Wer also ins Krankenhaus muss, taucht in der Statistik nicht als genesen auf.

Genesene for dummies

Die Zahl der Genesenen beruht auf einer Schätzung des RKI. Etwa 9 Tage nach Auftreten der Symptome sind 95 Prozent der Erkrankten wieder gesund.

Fazit

  • 👍

    Vorteil: Eine Zahl, die Hoffnung spendet. Wenn man sie mit der Zahl der bestätigten Fälle in Verbindung setzt, wird klar: Die meisten Menschen haben milde Krankheitsverläufe und erholen sich nach kurzer Zeit von Covid-19.

  • 👎

    Nachteil: Die Zahl beruht fast ausschließlich auf Schätzungen. Der wirkliche Gesundheitszustand der einzelnen Infizierten lässt sich daraus nicht erschließen.

  • Grenzen: Wie bei den Todesfällen und bestätigten Fällen handelt es sich hier nur um addierte Zahlen. Entwicklungen kann man so nicht nachverfolgen.

#5: Die Verdopplungszeit

Vor allem zu Beginn der Corona-Ausbreitung in Deutschland und Europa wurde oft über die Verdoppelungszeit gesprochen. Sie könnte vor dem Hintergrund einer herannahenden zweiten Welle wieder relevant werden. Die Kennzahl gibt an, in welchem Zeitraum sich die Zahl der bekannten Infektionen verdoppelt. Je kleiner die Zahl, desto schlechter.

Die Verdoppelungszeit ist also keine Momentaufnahme, sondern setzt eine Entwicklung über einen gewissen Zeitraum voraus. Hiermit wurde ursprünglich auch ausgerechnet, ab wann die Kapazität an Intensivbetten in Krankenhäusern überschritten wäre.

Verdopplungs-Zeit for dummies

Der Zeitraum, in dem sich die Anzahl der bekannten Infizierten (hier im Beispiel 100 Personen) verdoppelt hat, nennt man Verdopplungszeit.

Fazit

  • 👍

    Vorteil: Die Verdoppelungszeit ist leicht verständlich. Wahrscheinlich auch deswegen wurde sie am Anfang der Corona-Ausbreitung in Deutschland so oft verwendet.

  • 👎

    Nachteil: Die Verdopplungszeit zu betrachten macht nur Sinn, wenn die Zahl der Infizierten schnell steigt, sie also sehr hoch ist. Sobald sich die Ausbreitung verlangsamt, steigt der Wert, dass er nur noch eine theoretische Größe ist.

  • Grenzen: Zwar zeigt die Verdopplungszeit eine Entwicklung, zugleich ist sie aber insgesamt zu ungenau.

#6: Die Reproduktionsrate

Die Zahl gibt an, wie viele Menschen eine infektiöse Person ansteckt. Ist der Wert unter 1, verlangsamt sich die Ausbreitung. Ist er über 1, verbreitet sich das Virus schneller. Hiermit wird etwa ausgerechnet, ab wann die Kapazität an Intensivbetten in Krankenhäusern überschritten wäre. Bleibt die unter 1, passiert das nicht, bei Werten darüber erkranken immer mehr Personen gleichzeitig und das Gesundheitssystem könnte überlastet werden.

Die Reproduktionsrate ist keine Eigenschaft des Covid-Erregers selbst, sondern hängt von verschiedenen Faktoren ab. Sie ist ein Modell, das auf dem aktuellen Zustand beruht. Nach den Sommerferien und der neu gewonnenen Reisefreiheit in viele Länder kann die Zahl wieder steigen.

So wird die Reproduktionsrate berechnet: Die Zahl der Neuinfektionen wird zu 2  unterschiedlichen Zeitpunkten verglichen. Wann genau, bestimmt die Generationszeit. Das ist die Zeit zwischen der Infektion einer Person bis zur Folge-Infektion einer anderen Person. Laut RKI-Schätzungen liegt der R-Wert aktuell bei etwa 1,02 (Stand: 4.8.2020).

Reproduktionsrate einfach erklärt

An zwei Zeitpunkten wird die Zahl der Neuinfizierten gemessen und miteinander verglichen. Der Wert der zweiten Messung ist kleiner? Gut, dann verlangsamt sich die Ausbreitung des Virus.

Fazit

  • 👍

    Vorteil: Die Reproduktionsrate stellt dar, wie sich das Virus unter der Bevölkerung ausbreitet. Sie ist aussagekräftiger als andere Kennzahlen wie Neu-Infektionen oder die Verdopplungszahl.

  • 👎

    Nachteil: Die Reproduktionsrate kann wegen Messungenauigkeiten schwanken. Das betrifft beispielsweise die Ausweitung von Tests und die schnelle Ausbreitung von Covid-19-Erkrankungen in Altenheimen und Krankenhäusern.

  • Grenzen: Die Reproduktionsrate gibt nicht an, wann eine Person eine andere angesteckt hat. Sie unterliegt Schwankungen und hängt eng mit der Verhaltensweise der Menschen im öffentlichen Raum sowie von staatlichen Maßnahmen, wie Verbote von Großveranstaltungen oder dem verpflichtenden Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen, zusammen.

So behältst du den Durchblick - und einen kühlen Kopf

  • 📅

    Schau dir nicht nur die Zahlen einzelner Tage an, sondern betrachte lieber einen längeren Zeitraum.

  • 🇩🇪

    Viele Zahlen sind stark abhängig von der Verhaltensweise der Menschen und politischen Maßnahmen. Werden sie gelockert, können sich die Werte schnell wieder ändern.

  • 👨‍⚕️

    Testkapazitäten und -kriterien spielen eine wichtige Rolle: Wie viele Tests gibt es überhaupt, und wer kann sich testen lassen? Das beeinflusst, wie hoch die Zahl sind. Mehr Testungen senken automatisch die Dunkelziffer, erhöhen aber auch die Zahl der bestätigten Fälle und Neu-Infektionen.

  • 😷

    Auch du kannst die Zahlen positiv gestalten. Wer etwa in der Öffentlichkeit eine Maske trägt oder seine sozialen Kontakte weiterhin einschränkt, trägt dazu bei, dass sich weniger Menschen anstecken.

  • 👁️‍🗨️

    Last but not least: Lass dich nicht verrückt machen! Manchmal verunsichern uns Zahlen und lassen ein Problem unlösbar erscheinen. Schau genau hin: Was sagt dir diese Zahl eigentlich? Von wem stammt eine Grafik? Und: Welche Statistiken von seriösen Quellen gibt es, die andere Punkte beleuchten?

Veröffentlicht: 05.08.2020 / Autor: Franziska Schosser