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Corona-Impfung von jungem Mädchen

Corona-Impfung: Sollten 12- bis 15-Jährige selbst darüber entscheiden?

Die STIKO empfiehlt allen Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren eine Corona-Impfung. Doch was, wenn sich Eltern und Kinder uneins sind? Sollten Kinder selbst über die Impfung entscheiden dürfen? Was sagen Expert:innen dazu und wie ist die Rechtslage? Im Clip: So wirken die Impfstoffe.
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Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche: Das Wichtigste zum Thema

  • Seit Anfang Juli steigt die Inzidenz wieder stark an. Am 1. September lag sie bei 75,7. Dabei infizieren sich vorwiegend ungeimpfte Menschen - und meist jüngere. Besonders hoch ist die Inzidenz in der Altersgruppe der 10- bis 24-Jährigen, so berichtet das RKI.

  • Eine Impfung würde die Jüngeren vor einer Corona-Infektion und vor allem vor einem schweren Verlauf sehr gut schützen. Die Impfung mit BioNTech und Moderna ist von der Europäischen Arzneimittel-Agentur zugelassen und wird von der Ständigen Impfkommission (STIKO) seit August allen Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren empfohlen.

  • Doch was, wenn sich Kinder impfen lassen will, die Eltern aber dagegen sind? In Deutschland können sich Kinder und Jugendliche unter bestimmten Voraussetzungen eigenständig impfen lassen. Genaues dazu unten.

  • Die zentrale Frage: Ab welchem Alter ist ein Kind zu so einer Entscheidung fähig? Ab wann versteht es, was bei einer Impfung im Körper passiert, welche Folgen eine (Nicht-)Impfung hat und wie gefährlich eine Corona-Erkrankung sein kann?

  • Was Expert:innen zur Impf-Freiheit ab 12 Jahren sagen und alle wichtigen Fakten zur Wirksamkeit, den Vorteilen und den möglichen Nebenwirkungen der Corona-Impfung bei 12- bis 17-Jährigen findest du auf dieser Seite.

Das Ergebnis von "Dafür oder Dagegen" vom 2. September

Sollen Kinder über eine Corona-Impfung selbst entscheiden dürfen? So haben die Zusehenden abgestimmt!

Sollen Kinder über eine Corona-Impfung selbst entscheiden dürfen? So haben die Zusehenden abgestimmt!

Wie viele Kinder und Jugendliche sind bereits geimpft?

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    Laut RKI waren am 1. September 21,8 Prozent der 12- bis 17-Jährigen vollständig geimpft. 32,6 Prozent hatten ihre erste Impf-Dosis erhalten.

Wie ist die Gesetzes-Lage zur Impf-Entscheidung von Kindern?

Ein eindeutiges Gesetz - wie das zur Geschäftsfähigkeit von Kindern - existiert für die Corona-Impfung bei Kindern und Jugendlichen nicht. Deswegen orientieren sich zurzeit die meisten Impf-Ärztinnen und -Ärzte an folgendem Altersstufenmodell aus der Rechtswissenschaft:

  • Zwischen 12 und 14 Jahren müssen die Eltern aktiv einer Impfung zustimmen.
  • Zwischen 14 und 16 Jahren kann das Kind die Entscheidung - auch ohne die Eltern - zusammen mit der Impf-Ärztin oder dem Impf-Arzt treffen. Die Ärztin beziehungsweise der Arzt entscheidet, ob die oder der Jugendliche die nötige Reife für diese Impf-Entscheidung hat.
  • Ab 16 Jahren ist normalerweise keine grundlegende Zustimmung der Eltern erforderlich.

Es kann jedoch in allen 3 Altersgruppen Ausnahmen geben - beispielsweise, wenn die Eltern strikte Impf-Gegner sind, das Kind sich aber impfen lassen möchte. Dann ist die sogenannte Einsichtsfähigkeit des Kindes entscheidend. Hält die Ärztin oder der Arzt diese Einsichtsfähigkeit für gegeben, kann sich auch ein Kind ab 12 Jahren ohne Einwilligung der Eltern impfen lassen.

Erklärung: Von Einsichtsfähigkeit spricht man, wenn die Patientin oder der Patient die Fähigkeit hat, zu verstehen, worauf sie/er sich einlässt: Was sind die Vorteile, Nachteile und Risiken der Corona-Impfung. Und was sind die Risiken, wenn man sich nicht impfen lässt und Corona bekommt.

Impf-Freiheit ab 12 Jahren - das sagen Expert:innen dazu

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    Medizinjurist Prof. Dr. Lindner: "Ich denke, dass bereits Kinder und Jugendliche das grundrechtlich verbürgte Selbstbestimmungsrecht haben. Ihre Persönlichkeitsrechte haben sie natürlich auch schon vor ihrem 18. Lebensjahr - gerade im Hinblick auf die körperliche Integrität. Wenn ein interessierter, intelligenter 13-Jähriger sagt 'Ich habe mich informiert, ich möchte mich impfen lassen, weil …', dann ist da überhaupt nichts dagegen einzuwenden."

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    Kinderarzt und Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Jakob Maske: "Wir sind natürlich zunächst mal die Anwälte der Kinder und stehen auf der Seite der Kinder. Und wenn das rechtlich möglich ist, werden wir sie impfen, wenn sie das wollen. Wenn es Uneinigkeiten gibt, schicken wir die Eltern und Kinder auch nochmal nach Hause, damit sie es miteinander diskutieren - aber mit einem Folge-Termin, an dem wir dann unter Umständen auch gegen den Willen der Eltern die Jugendlichen impfen, wenn sie das weiterhin so wollen." Maske hält eine Impfung ohne Einwilligung der Eltern für denkbar, wenn sich das Kind beziehungsweise der Jugendliche über die Impfung informiert hat und weiß, was sie im Körper bewirkt, welche Risiken sie hat und welchen Nutzen.

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    Während Dr. Rabe das Impf-Angebot an Schulen ohne Eltern als Gefahr sieht - war für den Lehrer Peer Schröder das mobile Impf-Team an seiner Schule die Rettung: "Je mehr Leute geimpft sind, desto besser finde ich das als Lehrer für unsere Arbeit, für die Kinder und auch für die Familien, die hier im Viertel leben." Seine Schule, die Leif-Eriksson-Gemeinschaftsschule, liegt in einem sozialen Brennpunkt in Kiel. Auch der Schuldirektor Dieter Ruser ist dafür, dass Jugendliche ihre Entscheidung selbst treffen können. Denn manche Eltern können ihre Kinder aufgrund von sprachlichen Barrieren nicht unterstützen. "Migration und Armut sind statistisch auffallend für Infektionen", betont er.

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    Vor allem mobile Impf-Teams und Impf-Busse an Schulen stoßen Kritiker:innen allerdings auf: Die Impf-Entscheidung der Kinder würde dort durch Gruppenzwang beeinflusst, es mangele an Aufklärung, ein ausführliches Gespräch käme in der Schulpause zu kurz und das mobile Ärzte-Team kenne die Krankheits-Geschichte des Kindes nicht, so die Vorwürfe.

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    Kinderarzt Dr. Steffen Rabe: "Eine Impfung von Kindern und Jugendlichen ohne gemeinsames Gespräch mit den Eltern, in dem alle Für und Wider sorgfältig erwogen werden und eine gemeinsame Entscheidung getroffen wird, halte ich moralisch als Kinder- und Jugend-Arzt für völlig unverantwortlich." Ohne Rücksprache und ohne Versicherung mit den Eltern würde Dr. Rabe Minderjährige nicht impfen. Kritiker:innen, wie er, sehen die Entscheidungsfähigkeit von Kindern in der Impf-Frage nicht gegeben.

Wirksamkeit, Nebenwirkungen, Zulassung und Empfehlung der Impfung für 12- bis 17-Jährige

  • Seit dem 31. Mai 2021 ist der Impfstoff von BioNTech und seit dem 23. Juni auch der von Moderna für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren in Europa zugelassen.
  • In Studien zeigte eine vollständige Impfung mit BioNTech und Moderna in dieser Altersgruppe eine Wirksamkeit von bis zu 100 Prozent. Bei beiden mRNA-Impfstoffen sei davon auszugehen, dass die Wirksamkeit in Bezug auf eine schwere COVID-19-Erkrankung ähnlich hoch ist, schreibt das RKI.
  • Im Juni empfahl die STIKO die Impfung vorerst nur für Kinder und Jugendliche, die aufgrund einer Vorerkrankung ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben und für alle, die mit einer Person mit geringem Immun-Schutz  zusammen leben. Grund für die eingeschränkte Empfehlung war der damalige Daten-Mangel zu möglichen Nebenwirkungen.
  • Seit Mitte August empfiehlt die STIKO die Corona-Impfung für alle Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren. Laut den Expert:innen überwiegen die Vorteile der Impfung. Mögliche Risiken der Impfung für diese Altersgruppe können heute zuverlässiger beurteilt werden, da es viele neue Daten gibt - unter anderem von 12 Millionen geimpften Kindern und Jugendlichen aus den USA und Kanada.
  • Die einzige schwere Nebenwirkung der mRNA-Impfstoffe, die sehr selten - vorwiegend bei Jungen und jungen Männern nach der 2. Dosis - auftrat, war laut RKI eine Herzmuskel-Entzündung. Die Verläufe seien zumeist gutartig, es fehlen jedoch Daten zum Langzeitverlauf. Untersuchungen deuten allerdings darauf hin, dass es auch bei einer Corona-Infektion zu Herz-Problemen kommen kann.
  • Ferner gehen die Expert:innen heute davon aus, dass speziell wegen der dominierenden Delta-Variante die ungeimpften Kinder und Jugendliche derzeit ein hohes Risiko für eine Corona-Infektion haben.

Die Corona-Impfstoffe im Vergleich

Corona-Impfstoffe im Vergleich

Hinweis: Eine dritte Impfung mit einem mRNA-Impfstoff ist für ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen bald geplant.

Die Impfung schützt auch vor Langzeitfolgen nach Corona

Eine Impfung schütz nicht nur vor einer schweren Corona-Erkrankung, sondern ebenso vor Long Covid, auch Post-Covid-Syndrom genannt. Häufige Symptome sind anhaltende Erschöpfungs-Zustände, Atem-Beschwerden, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Kopfschmerzen, Konzentrations- und Schlafstörungen, depressive Verstimmung und Herzrhythmusstörungen. Typisch für Long Covid ist, dass die Symptome nach mehr als 12 Wochen noch bestehen oder neu auftreten.

Es gibt noch wenig Daten zur Häufigkeit von Long Covid bei Kindern. Und obwohl Corona bei Kindern und Jugendlichen meist nicht schwer verläuft, kann es in Einzelfällen in Folge der Erkrankung zu schwerwiegenden Langzeitfolgen kommen.

Neben Long Covid wurde in seltenen Fällen auch das sogenannten Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) bei Kindern und Jugendlichen beobachtet. Meist 3 bis 4 Wochen nach der (auch symptomlosen) Infektion kommt es dabei zu Fieber und starken Entzündungen, oft einhergehend mit Schock-Symptomatik und vorübergehender Herz-Kreislauf-Schwäche. Wie PIMS genau entsteht und wie häufig es ist, ist noch unklar. Rund 400 Fälle sind hierzulande bekannt.

Long-Covid: Wenn Corona auf Dauer schwächt

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Impf-Reaktionen wie Fieber sind ungefährlich und normal

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    Wie bei jeder Impfung können auch nach der Corona-Impfung mit BioNTech und Moderna typische Impf-Reaktionen auftreten. Bei Jüngeren sind diese sogar oft etwas ausgeprägter, da sie ein sehr gut funktionierendes Immunsystem haben.

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    Impf-Reaktionen sind ungefährlich und an sich sogar ein gutes Zeichen: Sie zeigen, dass der Körper wie gewünscht auf die Impfung reagiert und einen Immun-Schutz aufbaut.

  • 🤒

    Schmerzen an der Einstichstelle, Rötung und Schwellung sind bei Kindern und Jugendlichen nach der 1. und 2. Impfung öfters zu beobachten. Abgeschlagenheit, Fieber, Kopfweh, Schüttelfrost, Gelenk- und Muskelschmerzen, Übelkeit und Durchfall treten häufiger nach der 2. Impfstoff-Dosis auf. Die Beschwerden treten zwischen dem 1. und 4. Tag nach Impfung auf und dauern 1 bis 3 Tage an.

Veröffentlicht: 02.09.2021 / Autor: Larissa Melville