Flattern bald gar keine Schmetterlinge mehr durch unsere Gärten?
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Flattern bald gar keine Schmetterlinge mehr durch unsere Gärten?

vor 3 Monaten

Sie schillern in den buntesten Farben, sind friedlich und zart: Schmetterlinge sind die wohl beliebtesten Insekten Deutschlands. Umso trauriger ist das Ergebnis einer Studie, die die Deutsche Wildtier Stiftung jetzt veröffentlicht hat: Die Anzahl der bunten Falter ist in den letzten Jahren dramatisch gesunken. Einige Arten sind für immer verschwunden – und es wird immer schlimmer.

Um mehr über die zukünftige Entwicklung unserer Schmetterlingsarten zu erfahren, hat die Deutsche Wildtier Stiftung bei einem der bekanntesten Biologen Deutschlands, Josef Reichholf, eine Datenerhebung in Auftrag gegeben. Die vollständige Studie soll im November online verfügbar sein. Weil das Thema aber so brisant ist, hat die Stiftung bereits jetzt Teile daraus veröffentlicht.

Die Studie hat ergeben, dass es heute nur noch halb so viele Nachtfalter-Arten gibt wie noch in den 80er Jahren. Die Zahl der Tagfalter-Arten hat sich seit den 70er Jahren sogar um 73 Prozent verringert.

Wie der Name schon sagt, sind Tagfalter hauptsächlich tagsüber unterwegs sind, wie zum Beispiel der Zitronenfalter. Sie sind meistens leuchtend bunt gefärbt. Nachtfalter dagegen sind nachtaktiv und tarnfarben, also meistens braun oder grau – wir nennen sie auch Motten.

Von den circa 3700 Schmetterlingsarten in Deutschland sind 190 Tagfalter und 1160 Nachtfalter. Zusammen bilden sie die Gruppe der Großschmetterlinge. Die restlichen 2350 Arten gehören zu den Kleinschmetterlingen.


Den Zitronenfalter findet man überall in Europa.
© Wikipedia / Arieswings / CC-BY.SA-4.0

Der extreme Artenrückgang ist nicht nur traurig, sondern auch gefährlich. Denn die Funktion von Schmetterlingen im gesamten Ökosystem wird häufig unterschätzt. Sie sehen nicht nur schön aus, sondern bestäuben auch Pflanzen und sind eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel und Säugetiere.

Wie wurden die Daten erhoben?

Josef Reichholf hat bereits in den 60er Jahren damit angefangen, an zehn Standorten in Bayern Daten von Schmetterlingen aufzunehmen. Mit Hilfe von UV-Lichtfallen hatte der Forscher dort Schmetterlinge eingefangen. So konnte er die Tiere zählen, ohne dass sie dafür verletzt oder getötet werden mussten.

Im Zeitraum von 1969 bis 1983 hatte Reichholf noch rund 250 Schmetterlingsarten im Jahr gezählt. Aber seit den 80ern ist die Anzahl immer mehr gesunken. Ab 1995 wurden dann jährlich weniger als 50 Arten gezählt.


Josef Reichholf ist einer der bekanntesten Biologen Deutschlands.
© Wikipedia / Conrad Nutschan / CC BY 3.0

Was sind die Gründe für das Aussterben?

Laut Reichholf liegen die Ursachen für das Massensterben der Falter bei der Landwirtschaft. Durch den enormen Maisanbau und die Überflutung der Felder mit Düngemittel werden die Lebensräume der Schmetterlinge zerstört.

Auch Dr. Wolfgang Speidel, Insektenforscher an der Zoologischen Staatssammlung München, macht das enorme Eingreifen der Menschen in die Natur für die Misere verantwortlich:

„Früher, als ich noch ein kleiner Junge war, gab es noch bunte Blumenwiesen mit den verschiedensten Arten von Pflanzen. Heute findet man fast nur noch ‚fette‘ Wiesen, die total überdüngt sind. Botanische Vielfalt sucht man dort vergeblich. Wovon sollen sich denn die Schmetterlinge ernähren, wenn nicht von den Blumen?“

Auch Reichholfs Studie bestätigt, dass der übermäßige Maisanbau eines der Hauptprobleme ist. Allein im Jahr 2016 wurden in Deutschland mehr als zweieinhalb Millionen Hektar Land mit Mais bebaut. Das ist dreimal so viel wie in den 80er Jahren und fast das Doppelte der gesamten Ackerfläche Österreichs.

Mais ist inzwischen zur dominierenden Feldfrucht geworden. Er wird sowohl als Futterpflanze als auch zur Energiegewinnung angebaut. Die extreme Überdüngung, die das mit sich bringt, „verseucht“ die Felder für die Lebewesen und die Blumen – durch den extremen Nitrat– und Stickstoffgehalt in der Gülle.

Und wer jetzt denkt, dass das Ganze dann ja nicht so schlimm ist, weil das Schmetterlingssterben quasi „nur“ landwirtschaftliche Gebiete betrifft, der hat leider Unrecht. Denn diese Landwirtschaftsgebiete machen 52 Prozent von Deutschland aus.

Da sich Schmetterlingsraupen von bestimmten Pflanzen ernähren und auch ausgewachsene Schmetterlinge den Nektar ganz bestimmter Blüten zum Überleben brauchen, ist es also fatal, wenn es eben diese Pflanzen einfach nicht mehr gibt.

Ein weiterer Grund für den Artenrückgang ist der Einsatz von Pestiziden – hauptsächlich von sogenannten Neonikotinoiden. Die wirken als Gift auf die Nervenzellen von Insekten ein und sollen Pflanzen so vor „Schädlingen“ schützen. Die Gesamtmenge der in Deutschland verwendeten Pflanzenschutzmittel stieg laut Bundesregierung zwischen 2009 und 2015 von 4600 auf 34 700 Tonnen – also knapp um das Achtfache.

Was muss getan werden?

Biologen sind sich einig: Die extreme Überdüngung muss reduziert werden. Und zwar stark. Für sämtliche Lebewesen, vor allem Insekten, ist es wichtig, dass es natürliche „Magerwiesen“ gibt – also Wiesen, die höchstens zwei mal im Jahr gemäht und so gut wie gar nicht gedüngt werden. Artenreiche Waldwiesen und Lichtungen sollten möglichst sich selbst überlassen werden – das wäre dann die Aufgabe von Staatsforstbehörden.

Und auch wir können etwas tun: Reichholf empfiehlt Familien, die einen Garten oder ein Grundstück in der Natur besitzen, dort ein kleines Biotop für Schmetterlinge und Co. anzuschaffen. Dazu könnt ihr zum Beispiel ein paar Schmetterlingssträucher (Sommerflieder) oder Lavendel einpflanzen.


Umgeben von Sommerflieder fühlen sich Schmetterlinge wohl.
© Wikipedia / Stan Shebs / CC-BY.SA-3.0

Apropos Schmetterlinge: Habt ihr schon mal was vom Monarchfalter gehört? Jedes Jahr begibt er sich auf eine ewig lange Reise, um der winterlichen Kälte zu entkommen. Das Ziel ist ein Waldgebiet in Mexiko, wo sich ein einzigartiges Naturschauspiel ereignet. Seht selbst:

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